Eine gewaltige Noria, eins von 30 hölzernen Wasserrädern in Hamá,
bringt Wasser des Orontes 20 m höher zur Bewässerung der Felder.

(Der Glückspilz-Wald vor der Noria ist die Antwort Syriens auf Disneyland.)
                                                                                                                Foto: Klaus G. Müller

Syrien, Libanon und Jordanien auf einen Streich
Ein Gefühl völliger Sicherheit in allen drei Ländern

Ich frage im nordsyrischen Aleppo in einem Gäßchen nach dem Baron Hotel. "Dies ist es. Kommen Sie herein. Willkommen! Mein Großvater hat es 1911 begründet. Er war Armenier und wurde Baron genannt. In unserer Sprache heißt das Herr, Meister, Sir. Hier in Aleppo endete der Orient-Express und deshalb stiegen Schriftsteller, Archäologen, Herrscher ab - kurz: die Reichen und Schönen der damaligen Welt, wie David Rockefeller, Kemal Atatürk, Lawrence von Arabien. Agatha Christie schrieb hier "Mord im Orientexpress". Es war lange das berühmteste Hotel des vorderen Orients. Möchten Sie ein Einzel- oder Doppelzimmer?" Das Hotelchen sah mir nicht nach 40 Zimmern, Bar und Dachterrasse aus. Immerhin wollte ich einen kühlen Drink auf dem Dach nehmen. Als mein levantinischer Gastgeber die Hoffnung, mir ein Zimmer zu vermieten, schwinden sah, meinte er kleinlaut: "Hier gibt es keine Dachterrasse. Ich habe Ihnen die Unwahrheit gesagt, um Ihnen ein Zimmer zu vermieten. Das Baron Hotel ist in der zweiten Straße rechts."
In dem echten Baron, einem alten Haus mit dem Charme einer großen Vergangenheit finde ich dann immer noch viel plüschige Atmosphäre, obwohl es fühlbar altert.

        Wir waren kurz vorher mit unserer Reisegruppe in Aleppo angekommen und hatten den größten überdachten Bazar der Welt besucht - zwölf Kilometer Ladengassen mit allen Gerüchen des Orients, alten mesopotamischen Rollsiegeln, Wasserpfeifen und vielen anderen Schätzen. Am nächsten Tag besuchten wir die "Toten Städte", die bekannten Ausgrabungsorte Aleppos, und das Simeons-Kloster, in dem der "Säulenheilige" 36 lange Jahre auf einer 15 m hohen Säule verbracht haben soll. Aleppo ist mit der prächtigen Omayyaden-Moschee aus dem goldenen Zeitalter des Landes, dem Museum mit vielen faszinierenden Exponaten, der gewaltigen Zitadelle, dem Bazar, seinem bunten orientalischen Leben eine Stadt wie aus 1001 Nacht.

        Per Bus geht's über Hamá am Orontes, der Stadt der 30 "singenden" Wasseräder bis zu 20 m Durchmesser, zur Königin der Wüste: dem römischen Palmyra. Die Ausgrabungsstätten dieser Oasenstadt in der syrischen Wüste sind überwältigend und Kolonnadenstraße, Türme zur Bestattung der Toten, Baal-Tempel, Hadrians-Bogen gehören zu den eindrucksvollsten Ruinen der Antike weltweit. Palmyra wurde von Aurelian zur Strafe zerstört, als die sagenhafte Königin Zenobia ihre Unabhängigkeit von Rom erklärte.

        Nach der Besichtigung der Mutter aller Kreuzritterburgen: Krak des Chevaliers, überfahren wir die Grenze zum Libanon. Das gequälte Land bietet uns zunächst Tripoli, die multikulturelle Hafenstadt am Mittelmeer, dann Byblos, eine der vielen "ältesten Städte der Welt" mit bis zu 7.000 Jahre alten Ruinen. In der zauberhaften Bergwelt sind noch etwa 600 Zedern erhalten, Jahrhunderte alte Baumriesen. Tausende wurden seit dem Altertum gefällt und zum Palast- und Schiffsbau bis ins pharaonische Ägypten gebracht. Die Hauptstadt Beirut, einst das "Paris des Orients", ist eine einzige gigantische Baustelle. Baalbek, der größte erhaltenen Sakralbezirk im Mittelmeerraum, hat auch als Fluchtburg der palästinensischen Hamas wenig gelitten und ist - wie der größte Teil des Landes - heute wieder gefahrlos zu besuchen. Das "Heiligtum des Gottes Baal" ist mit seinen gigantischen Säulen des Dyonisos-Tempels von 22 m Höhe der kulturhistorische Höhepunkt einer Libanon-Reise.

        Zurück in Syrien kommen wir in die Kalifenresidenz Damaskus, neben Aleppo die älteste ständig bewohnte Stadt der Welt, mit ihrer wundervollen Omayyaden-Moschee. Ursprünglich Kirche, diente diese nach der muslimischen Eroberung zeitweise Moslems und Christen gemeinsam als Gotteshaus, bis später den Christen zur Entschädigung der Bau einer neuen Kirche bezahlt wurde. Weitere Sehenswürdigkeiten sind der Azem Palast, alte Stadtmauern mit dem Paulusfenster, die in der Bibel erwähnte "Gerade Straße" und der Hamidie-Bazar. Damaskus, "Paradies auf Erden", war schon zu Zeiten Mohammeds eine magische Stadt, der Mittelpunkt der islamischen Welt. Der Prophet wollte sie zu seinen Lebzeiten nicht aufsuchen, um nicht zweimal das Paradies zu betreten.

        Die Fahrt führt dann nach Suweida und Bosra mit dem gewaltigen römischen Theater über die jordanische Grenze nach Jerash, dem Pompei des Ostens. Es ist die weltweit besterhaltene römische Stadt mit einem einmaligen ovalen Forum mit 56 ionischen Originalsäulen und dem Cardo Maximus, der Hauptstraße der Stadt aus dem ersten Jahrhundert mit über 500 erhaltenen Säulen. Nur 50 km sind es dann noch bis Amman, der Hauptstadt des Haschemitischen Königreiches. Im Museum sieht man die wohl ältesten menschlichen Lehmstatuen von Ain Ghazal/Amman aus dem siebten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung sowie zahlreiche andere interessante Stücke. Unser Reiseführer opfert seinen freien Nachmittag, um ihn mit uns in dem großzügigen Heim einer Gruppe von - meist palestinensischen - Künstlern zu verbringen.

        Bei der Weiterfahrt stehen die berühmten Mosaiken von Madaba aus dem Jahr 560 n. Chr., den ältesten Stadtplänen zum Beispiel Jerusalems, der Berg Nebo, von dem Moses das Gelobte Land erblickt haben soll, die Kreuzfahrerburg Kerak und ein Bad im Toten Meer auf dem Programm. Keine Buchbeschreibung, kein Gemälde, kein Photo kann einen auf Petra vorbereiten, den Höhepunkt jeder Jordanien-Reise. Die rosarote Felsenstadt der Nabatäer, oft das "achte Weltwunder" genannt, ist einfach überwältigend! Atemberaubend auch im Wortsinn ist der siebenstündige Marsch durch die Berge und Täler der gewaltigen Anlage. Er zeigt auf mehreren Quadratkilometern die Stätten des erstaunlichen Wüstenvolkes, das von nomadisierenden Räubern zu seßhaften "Schutzzoll-Einnehmern" des Karawanenhandels besonders mit Weihrauch wurde. Sein sagenhafter Reichtum erlaubte ihm den Ausbau perfekter Bewässerungsanlagen, die Herstellung feinsten "Eierschalen-Porzellans" und den Bau der Totenstadt Petra.
In der faszinierenden Wüstenlandschaft des Wadi Rum wurde der Film "Lawrence von Arabien" gedreht. Wir plaudern mit den Kamelreitern des Desert Corps, einer Elite-Einheit in malerischen Uniformen, die nicht nur Räuber und Schmuggler jagen, sondern in abgelegenen Tälern des Wadi auch Recht sprechen. Dann bewundern wir prähistorische Felsmalereien und versprechen uns, eines Tages zu einem langen Wüstenritt per Kamel durch diese grandiose Natur zurückzukommen.

        Aquaba am Roten Meer verdient vielleicht nicht die dort verbrachten drei Tage. Aber sie sind eingeplant für den Fall, daß durch Wetterunbilden der Reisehöhepunkt Petra nicht gleich am ersten oder zweiten Tag besucht werden kann. Immerhin ist für Taucher, Schnorchler und Glasbodenboot-Gucker die vierte Dimension der Unterwasserwelt ein wunderbares Erlebnis. Wenn ich nach der Rückkehr nun aus dem häuslichen Sessel in Gedanken auf die Reise zurückblicke, so war sie in einer kleinen, harmonierenden Gruppe, mit vielfältigen, anregenden Sehenswürdigkeiten aus uralter Geschichte, freundlichen, liebenswürdigen Menschen, winkenden Kindern allenthalben, gutem Essen, Trinken und Schlafen, hervorragenden Fremdenführern, höchstem Buskomfort, im Gefühl völliger Sicherheit in allen drei Ländern eigentlich eins der wenigen vollkommenen Dinge in unserer unvollkommenen Welt.

Info: Die Drei-Länder-Kombination wird von verschiedenen Veranstaltern angeboten.
Günstig z. B. bei Oft-Reisen ab 1.780 €. Dauer zwei Wochen. Flüge mit Lufthansa ab Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, München, Stuttgart.

Klaus G. Müller, 2002

Rundgang durch das antike Palmyra*


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